Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein…

Gedanken zum Theater II

Denke an irgendeinen Film, ganz egal welchen, Hauptsache, es kommt ein Stuhl darin vor. Was siehst Du? Ich meine, wenn Du an den Stuhl im Film denkst? Einen Stuhl? Vermutlich schon. Vielleicht siehst Du noch andere Möbel: einen Tisch, weitere Stühle, eine ganze Wohnzimmereinrichtung… Aber der Stuhl ist ein Stuhl. Er wird als solcher benutzt, zum Sitzen. Im übrigen ist er eine ziemliche Nebensache,dazu da, einen bestimmten Hintergrund, ein Umfeld, ein Setting für die Handlung zu bestücken.

Und nun denke Dir eine Bühne in irgendeinem Theater. Denke Dir einen Stuhl auf der Bühne. Was siehst Du jetzt? Einen Stuhl? Vermutlich schon. Aber vermutlich nur den Stuhl? Also eine Bühne, leer bis auf einen Stuhl. Natürlich könnte jetzt eine Möbelfirma beginnen, die gesamte Bühne zu möblieren, bis sie aussieht wie Dein Wohnzimmer. Aber ebenso gut könnte ein Schauspieler hereinkommen und beginnen, mit dem Stuhl zu spielen. Sich hinzusetzen, aufzustehen, um ihn herumzugehen… und ihn plötzlich wie ein Pferd reiten, wie ein Auto oder ein Motorrad damit fahren, ihn als Laptop oder Schlitten verwenden oder ihn als seine Braut über eine imaginäre Schwelle tragen. Und wenn der Schauspieler überzeugend ist, so sehen wir all das – obwohl der Stuhl immer noch ein Stuhl ist. Es ist alles eine Frage der Phantasie.

Und wenn Du zu den Glücklichen gehörst, die als Kinder auf umgekehrten Tischen durch die brausenden Wogen des Wohnzimmers gesegelt sind, Flüge mit aufgespanntem Regenschirm von der Sofalehne gestartet haben und Stunden mit Rollenspielen à la „ich wär jetzt der Drache und Du wärst eine Kuh“ zugebracht haben (und sich noch daran erinnern können) – wenn Du also noch weißt, wie Phantasie sich anfühlt und was sie kann – dann bist Du drauf und dran, einen der wesentlichsten Unterschiede zwischen Theater und Film zu verstehen. Willkommen in der Welt der Imagination.

Im Film beginnt alles mit der Imagination. Filmemacher setzen eine Geschichte in Bilder um. Und naturgemäß sind das die Bilder der Filmemacher. Bis ein Film so weit ist, die Bilder zu zeigen, die der Filmemacher intendiert und die das Publikum interessieren und vielleicht in ihren Bann ziehen können, wird sehr viel Kreativität, Können, Zeit , Arbeit und Material investiert. Zum Bild kommt als emotionales Futter die Filmmusik. Am Ende steht das etwa 90 – minütige Ergebnis als eine fertige Welt vor unseren Augen. Nichts ist dem Zufall überlassen, nichts kann verändert werden und auf einer Fläche entsteht die Illusion von Raum und Zeit, ein immer gleiches, wiederholbares Erinnerungsbild, eine Zeitkapsel von längst vergangenen Orten und Handlungen.

Und im Theater? Auf den Brettern, die die Welt „bedeuten“ werden wir Zeitzeugen eines einmaligen, unwiederholbaren Erlebnisses, eingebettet ins Hier und Jetzt. Kreativität und Können entfalten sich vor uns, die Welt der Bühne und alle Menschen in ihr entstehen und vergehen fast vor unseren Augen.

Natürlich, bis das Theater so weit ist uns im Gefühl zu berühren und unsere Phantasie zu erwecken, bis es den Darstellern gelingt, uns Teil ihrer Seele werden zu lassen, vergeht viel Zeit. Probenzeit. Schulungszeit. Doch dann kann das Theater uns mitnehmen in das lebendige, vergängliche Spiel des Augenblicks, wo der Mensch ganz Mensch ist. Und wir Zuschauenden und wir Schauspieler sind in einem gemeinsamen, sichtbar – unsichtbaren Raum und teilen die Luft zum Atmen ebenso wie die Welt der Imaginationen miteinander.

Angelina Gazquez, 12.02.2019

One Comment

  1. Frieder

    Wir haben uns als Kinder den Angelstuhl vom Papa gemopst, Decken und andere Dinge und haben uns vorgestellt wir sind auf dem Raumschiff Enterprise. Als nächstes Mal unser Vater wieder zum Karpfenangeln los wollte hat er seinen Angelstuhl als erstes gesucht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.