Du und Dein Mythos

Gedanken zum Theater I.

Wie sehr wir Geschichten lieben! Von Homer bis zur Tageszeitung, von der Werbung über die Daily Soap bis zum Spielfilm und vom Gilgamesh-Epos bis zum „sozialen“ Netzwerk: für eine Geschichte lassen wir fast alles stehen und liegen. Ein interessantes Phänomen.

Phantasie und Wirklichkeit sind hier nicht Feinde, sie befruchten und ergänzen sich und es interessiert nur wenig, wo die eine aufhört und die andere anfängt.

Man kann glauben, dass sich diese Vermischung beider in unserem Bewusstsein mit dem Ende der Kindheit trennt, dass wir auch darum erwachsen sind, weil wir deutlich zwischen beiden unterscheiden können. Das möchte ich in Frage stellen. Und zwar ganz besonders in Bezug auf uns selber.

Angefangen hat es zum Beispiel mit kleinen Tagträumen im Kindesalter, die sich zwanglos aus phantasievollen Spiel ergeben, besonders dann, wenn man alleine ist. Plötzlich bin ich der/die große Held/in, Rächer/in der Enterbten und lasse bei meinen Feinden Recht vor Gnade ergehen. Wichtig ist nicht, was ich tue, sondern was ich tun könnte. Ich bringe mein Leben in meine Gewalt und vielleicht auch das meiner niederträchtigen Nachbarkinder. Das fühlt sich gut an. Vielleicht um so besser, je ohnmächtiger oder weniger widerstandsfähig ich in meinem echten Leben bin.

Mein Mythos beginnt.

Und er entwickelt sich. Je weniger meine Selbstverwirklichung in der Realität voran kommt, desto mehr weiche ich aus in meine Innenwelt. Hier kann ich ungestört die Geschichten über mich selber erzählen, die mir die Herrschaft über mein Leben (zurück)geben. Diese Geschichten müssen mich nicht unbedingt als Sieger sehen. Genauso gut kann ich zum Opfer geworden sein.

Was auch immer wir uns über uns erzählen, wir tun es meistens nicht mit unserem Wachbewusstsein, sonst wäre ja die Illusion im Moment der Erschaffung schon wieder zerstört. Träumend, instinktiv fast verschleiern wir uns vor uns selbst so gut, dass wir uns und andern absolut authentisch sind.

Das ist der Kern, der Ausgangspunkt des Theaters: die Vorführung der Masken, der Persona und das Enthüllen ihres Wesens.

Wenn die griechische Antike das Wort „Erkenne dich selbst“ aussprach, so zielte sie damit auf diese Enthüllung und wusste doch zugleich, dass es innere Stärke braucht um sie zu ertragen.

Verstehen kann man diesen Vorgang aber erst, wenn man versteht dass das Verhüllen in Ge-Schichte(n) zum Menschsein so originär dazugehört wie der aufrechte Gang.

Der eigene Mythos ist somit nicht einfach ein psychologisches, sondern ein anthropogenes Phänomen. Möglicherweise weist er sogar darauf hin, dass jeder Mensch fühlt, dass weit mehr in ihr/ihm steckt als sie/er verwirklicht. Im Guten wie im Schlechten. Denn da sind wir frei.

Theater zeigt Geschichten der Selbstverwirklichung und ihre Konsequenz. Gutes Theater setzt moralische Phantasie frei für die Selbstverwirklichung des Zuschauers.

Angelina Gazquez, 06.03.2018

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